Mittwoch, 22. Mai 2013

Review-Runde: Colin Stetson, Dillinger Escape Plan, Vampire Weekend, Deerhunter

Nachdem die letzte Review-Runde ja sehr elektronisch war, gibt's diese Woche mal was ganz anderes. So hat Bienenjäger eine kleine Rast von all seinen Konzertbesuchen eingelegt, um über den dritten Teil der New History Warfare-Saga des experimentellen Ausnahme-Saxophonisten Colin Stetson namens To See More Light zu berichten. Mit dem Dillinger Escape Plan geht es experimentell weiter. Oder doch nicht? Immerhin erübrigt sich diese Frage bei dem neuen Vampire Weekend Album und auch Deerhunter wandeln für ihre Verhältnisse auf nicht allzu verkopften Pfaden.



Colin Stetson - New History Warfare Vol. 3: To See More Light

Colin Stetsons beeindruckende Liste an Kollaborationen zeigt schon viel Verdienst; Namedropping erspart sich der Bienenjäger. Sein jüngstes Machwerk demonstriert, dass er sich nicht hinter diesen Namen verstecken muss – der dritte Teil der New History Warfare Reihe zelebriert einen Primat des Primalen und zeigt eine angenehm kathartische Wirkung, ideal für die illusionäre Suche nach vorzivilisatorischem Mythos. Schmuh ist das allerdings nicht; eher ein interessantes Experiment, ein narratives Albumkonzept musikalisch anregend zu vertonen. In Adornos Hirn kann hierzu vermutlich immer noch marschiert werden. Aber der hat den Jazz ja leider nicht verstanden. Stetsons Ausgangspunkt ist das Basssaxophon, dass er zwischen Atmosphärischem (In Mirrors) und einer akustischen Tour de Force (Brute) inklusive gutturalen Befreiungsschreien pendeln lässt; teilweise am Rande des Erträglichen, doch auch das immer wieder: ästhetisch. Hymnisch öffnet und schließt sich der Kreis in diesem Fall; runde Sache!

Zolin sagt: 8 von 10




The Dillinger Escape Plan - One Of Us Is The Killer

Seit der legendäre Provokateur Seth Putnam – Gott habe ihn selig - im Jahre 2001 den Anal Cunt Song Anyone Who Likes The Dillinger Escape Plan Is A Faggot veröffentlichte, haben die Erben John Dillingers einiges getan, um ihren guten Ruf wieder herzustellen. Mit Ire Works platzierten sie sich auf dem Thron des Mathrock und mit Operation Paralysis gestaltete die Band ihren exzentrischen Stil etwas zugänglicher für das einfache Volk. Mit dem neuen Album One of Us Is the Killer wird diese Entwicklung ziemlich konsequent fortgesetzt. Dieser groteske Dillinger Escape Plan Flow, bestehend aus aggressiven Blastbeats, melodischen Passagen, Dissonanzen, Jazz-Einschüben, technischer Metal-Spielweise und nicht zu vergessen die äußerst dynamischen Vocals, ist wieder so lebhaft, dass das Album den Hörer wohl kaum kalt lassen wird. Gegen Ende geht leider etwas an Fahrt verloren und die abermals erhöhte Zugänglichkeit dürfte den einen oder anderen Zyniker an den guten alten Anal Cunt Songtitel erinnern, aber insgesamt beweisen Dillinger Escape Plan erneut, dass es eher ein gutes Omen ist, von Seth Putnam beleidigt zu werden.

Zolin sagt: 7 von 10




Vampire Weekend - Modern Vampires Of The City

Als Liebhaber von physischen CDs hat man ja eigentlich schon Grund genug, Vampire Weekend zu mögen. Ihre zwei bisher veröffentlichten Alben Vampire Weekend und Contra sehen nebeneinanderstehend durch das ähnliche, aber trotzdem nicht zu ähnliche, Artwork sehr schick aus. Auch das dritte Album Modern Vampires Of The City macht dabei einen sehr guten Eindruck und übernimmt die minimalistische Grundhaltung der Vorgänger, überzeugt aber durch ein noch schöneres Covermotiv des in Nebel umhüllten New Yorks. Die äußerliche Gestaltung wird aber natürlich nicht der Grund sein, weshalb Vampire Weekend stets herausragende Wertungen verliehen bekommen. Ihre Mischung aus Ethno-Pop à la Paul Simons Graceland, gemischt mit Spitzen aus Indie und R&B ist mindestens so geschmacksvoll wie das Artwork der CD. Ihr drittes Album ist, was die bunte Mischung der verschiedeneen Stile betrifft, zwar nicht mehr so experimentell, es scheint dafür so, als habe sich die Band mehr auf den poppigen Kern des Albums konzentriert . Dadurch ist Modern Vampires Of The City wohl eine der reinsten Pop-Erfahrungen des Jahres und das ist noch wesentlich wichtiger als das schöne Artwork.

Zolin sagt: 8 von 10




Deerhunter - Monomania

Deerhunters letztes Album Halcyon Digest ist für verkifften Dreampop das Nonplusultra. Ein kluger Schachzug von der Band um Bradford Cox, einfach Monomania, ein Album aufzunehmen, das wesentlich lauter und vor allen Dingen mehr nach Rock klingt. Nur in einzelnen Songs wie The Missing wird man an den - im wahrsten Sinne des Wortes - traumhaften Vorgänger erinnert. Tatsächlich ist das aber gar nicht Monomanias Intention, permanent an den Vorgänger erinnert zu werden. Schließlich steht es besonders kontextlos gut da und beweißt abermals, was für großartige Songschreiber Deerhunter sind. Die Rolle des Albums in der Banddiskographie ist dagagen schwieriger herauszufinden. So könnte es sich bei Monomania zwar durchaus für einen einzelnen Ausritt in die Welt des "Lärms" handeln, andererseits aber auch einen Gesinnungswechsel hin zu dauerhaftem "Lärm" ankündigen. Und dann steht bei den Referenzen, ganz plakativ ausgedrückt, nicht mehr Beach House, sondern Ty Segall.

Zolin sagt: 7 von 10

Montag, 20. Mai 2013

Heißer Scheiß: The Ocean


Majestätisch, schön und zugleich so tiefgründig, zu weiten Teilen nahezu völlig düster ist der Ozean. Schon seit ewigen Zeiten fasziniert er auch die Welt der Komponisten. Wenigen gelang es, die Fülle an Eigenschaften der See adäquat zu vertonen. Man denke nur an Wagners Fliegenden Holländer oder Debussys La Mer und führe sich vor Augen, was für ein ambitioniertes sowie – bei erfolgreicher Arbeit des Komponisten – belohnendes Projekt die Vertonung der See doch sein kann. Anno 2013 versuchen sich die deutschen progressive Metaller The Ocean an dieser gewichtigen Aufgabe.

Der Band mit dem überaus zum Thema passenden Namen haben wohl viele zugetraut, das Beste daraus zu machen, schließlich zählen bereits Alben epischen Formats zu anderen bedeutenden Themen wie Religion/moderne Gesellschaft zur Diskographie. In der Tat hat Zolin bislang wenige (Euphemismus für keine) Stimmen wahrgenommen, die nicht Pelagial in den Himmel loben. Die klangliche Erforschung der unendlichen Meereswelt hat sich als so würdig, so überwältigend erwiesen, dass niemand mehr ernsthaft die kompositorischen Qualitäten The Oceans bestreiten kann.

Es mag noch zu früh sein, The Ocean zum Wagner des progressiven Metal zu erklären, der Gedanke ist allerdings spätestens nach dem zweiten Eintauchen in Pelagial so reizend, dass es schwer fällt, ihn auszublenden. In jedem Fall ist The Ocean nach diesem Ausflug in die Tiefsee heiß wie nie; es handelt sich so ziemlich um das Metal Äquivalent der Entdeckung des Feuers durch Spongebob Schwammkopf im prähistorischen Bikini Bottom.




Sonntag, 19. Mai 2013

Video der Woche: Kanye West - New Slaves



Normale Videopremieren im Fernsehen oder im Internet? Zu langweilig für Kanye West. Außerdem können sich ja so immer noch Leute Kanye West entziehen. Seine große Idee ist also, ganze 66 Mal sein Video an öffentlichen Fassaden komplett über die Welt verstreut uraufzuführen. Die hier gefilmten Aufnahmen zu New Slaves, so der Titel des neuen Tracks, stammen von einer Hauswand in Brooklyn. In Berlin wurde unter anderem das Universal Gebäude mit Hilfe von Pick-up Jeeps anprojiziert.

Abseits der erfrischenden Idee ist aber auch der Track mal wieder wahrlich grandios. Es scheint alles darauf hinzuweisen, dass der geniale Beat vom ehemaligen WARP- mittlerweile Kanye West -Zögling Hudson Mohwake produziert wurde. So spielte Hudson Mohawke den Track erstmals bei einem Set in Polen vergangene Woche. Kanye selbst spittet mal wieder böse Lines in Höchstform. He's still an angry man.

Samstag, 18. Mai 2013

Review: Dexter - The Trip


Boom-Bap boomt. In Deutschland insbesondere durch das Kölner Label Melting Pot Music und seine Zupferde Suff Daddy, Brenk und Dexter. Während Suff Daddy mittlerweile kaum mehr aus dem allgemeinen Beatverständins durch seine überragenden Alben wie Suff Sells wegzudenken ist und Brenk mittlerweile sogar Beats für die große Legende aus Compton MC Eiht produziert hat, war Dexter auch nicht unfleißig. Er veröffentlichte schließlich schon einen Beitrag zur Hausinternen Reihe Hi-Hat Club namens The Jazz-Files und letztes Jahr gemeinsam mit Morlockk Dilemma eine EP mit dem nicht minder programmatischen Titel Weihnachten Im Elfenbeinturm. In der Zwischenzeit produzierte Dexter mal eben den einzig wirklich annehmbaren Beat des Cro Debüts und den unbestreitbar besten Beat von Caspers XOXO und übte - und das ist kein Scherz - seinen Beruf als Kinderarzt weiter aus.

Denn wer hätte schon gedacht, dass a) Boom Bap-Beats in Deutschland ein so großes Revival feiern und b) Dexter zu der Speerspitze dieser Bewegung gehören würde. Darum wird ihm wohl keiner diese Entscheidung hinterfragen oder gar verübeln, zumal es ja eh ein sehr ehrbarer Beruf ist. Aber kommen wir nochmal zurück auf Dexters bisheriges Schaffen: Außerhalb von Dexters Auftragsarbeiten fällt nämlich auf, dass seine beiden vorherigen Alben, zählen wir Weihnachten Im Elfenbeinturm einfach mal als solches, konzeptuell gedacht sind. Dadurch entsteht besonders bei seinen Jazz-Files, für die er übrigens nur Ausschnitte aus Jazz-Stücken, Dokumentationen und Filmen verwendete, der Eindruck, man höre gerade ein Hörbuch, das einem bis ins kleinste Detail von der bearbeiteten Zeit erzählt. Kein Wunder also, weshalb sein Beitrag des Hi-Hat Clubs als einer der großen Meilensteine des Boom-Baps gilt.

Doch das ist nun mittlerweile auch schon drei Jahre her. Zeit also, dass Dexter mal wieder zu einem ähnlich großen Schlag ausholt. Dieser große Schlag trägt den Titel The Trip und ist ähnlich wie seine Jazz-Files aufgebaut. Nur mit dem Unterschied, dass dieses Mal eben nicht der Schwerpunkt auf der verruchten Jazzzeit liegt, sondern Dexter uns dafür in seinen VW-Bus verfrachtet und uns auf eine Reise zurück in die Swingin Sixties mitnimmt. Auf der Reise begegnen wir Peter Fonda, schauen einer Hippie Revolte zu und bekommen feinste Blunts gedreht. Dass wir mittlerweile etwas benebelt sind kommt aber nicht nur durch das, was wir zu erleben scheinen, nein, allein Dexters feinste psychedelische Beats mit den nie unpassenden Samples sind dafür verantwortlich.

Unweigerlich fühlt man sich während des Hörens des Albums an The Alchemist letztes Jahr veröffentlichtes Russian Roulette erinnert, bei dem der Live DJ von Eminem noch einen Schritt weiter als Dexter ging und nur russische Progressive-Songs der frühen 70er Jahren sampelte und zusätzlich auch noch den einen oder anderen Rapper darüber rappen lies. Die Tatsache, dass Dexters The Trip bis auf das grandiose Pictures und die Samples instrumental bleibt, ist vielleicht der einzige Makel, den man Dexter ankreiden möchte. Schließlich gelang es The Alchemist ja auch trotz Gastrapper die entsprechende Atmosphäre einzufangen. Dass das Meckern auf hohem Niveau ist, ist natürlich klar. Dexters The Trip ist wahrscheinlich eine der intensivsten Erfahrungen, die Boom-Bap liefern kann.


1. Once Again Back (Tune In)
2. San Francisco H feat. DJ Adlib
3. Walk With Us
4. Psychedelic Club Scene
5. Witch/Room
6. Rainbow Flight
7. Teenage Mother
8. Cupcakes
9. With Ease
10. Hippie Revolt (Turn On)
11. You & I
12. Roll It, Light It, Suck It
13. Dexy Lovecraft
14. Clouds Of Zero
15. Acido (Heavyyy)
16. Never Knew
17. Pictures feat. Josa Peit
18. Summerdays (Drop Out)

Zolin sagt
: 8 von 10



Freitag, 17. Mai 2013

Mellis: Two Gallants + Mozes & the Firstborn im Zakk, Düsseldorf den 13.05.2013


Irgendwo zwischen Folk und Punk, zwischen Schrammelgitarren und Mundharmonika, dort findet man Adam Stephens und Tyson Vogel: Two Gallants aus Kalifornien. Vogel am Schlagzeug, Stephens mal an der Gitarre, mal am Keyboard und mal an der Mundharmonika. Zum Auftakt ihrer Deutschlandtour spielte das Duo im Düsseldorfer Zakk – und wusste zu überzeugen.

Doch zunächst gab’s netten Garagenpop aus den Niederlanden. Für die (sehr) jungen Mozes & the Firstborn war es das erste Konzert im Vorprogramm der zwei Galanten. Nervosität? Fehlanzeige. Ihre Gelassenheit passte wunderbar zu der entspannt lockeren Popmusik. Und nachdem jedes Bandmitglied eine nette Geschichte erzählen durfte, gab es mit ihrer ersten Single I got skills auch noch einen Ohrwurm für den Heimweg.

Dass Two Gallants sich seit Kindestagen kennen, merkt man ab dem allerersten Ton, den das Duo auf der Bühne zum Besten gibt: die Zwei harmonierten ganz wundervoll. Die Gitarre, das intensive Schlagzeugspiel von Vogel und die unvergleichliche Stimme von Stephens sorgten für einen tollen Klang, viel Gänsehaut und riefen gelegentliches Fußwippen und teilweise sehr ausgelassenen Ausdruckstanz im Publikum hervor.

Das Set – eine gelungene Zusammenstellung der vier Studienalben der Band. Von erstaunlich schönen bis wunderbar aufwühlenden Songs. Irgendwo zwischen laut und leise. Souverän, professionell und schnörkellos – ohne die Stimmung der Songs durch zu viel sinnloses Gerede zu verderben.

Nach dem Konzert hallen die Zugaberufe noch zehn Minuten, nach dem die Band die Bühne verlassen hat, durch das Zakk. Nach einem denkbar schüchternen "Thank you for staying with us"spielen die Two Gallants mit Nothing To You zu guter Letzt den schönsten Song eines entzückenden Abends.



Two Gallants - Nothing To You


Mozes and the Firstborn - I Got Skills